Schweden pusht Milchviehhaltung

Das skandinavische Land will die Zahl der Milchkühe landesweit erhöhen. Der Grund ist Versorgungssicherheit. Ein Zusammenschluss von sechs Höfen baut 31 Melkroboter und zahlt den Gewinn als Pacht zurück. Dieser Betrieb geht einen besonderen Weg.

Magnus Samuelsson lebt in Mariestad im westlichen Teil Schwedens. Er und seine Familie bewirtschaften dort zusammen mit fünf weiteren Landwirten die Gemeinschaftsbetriebe Vadsbo Växtodling und Vadsbo Mjölk. Sein Vater Håkan ist Gründer der Unternehmensform. Die Partner bringen das Land ein, der Betrieb pachtet die Flächen und schüttet die Gewinne als Pacht an die Eigentümer aus, was dann auch von Jahr zu Jahr variiert. Die Grösse des Betriebs ermöglicht hohe Investitionen, somit den Einsatz moderner Technik. Aktuell läuft ein Generationswechsel im Familienbetrieb und bei mehreren anderen Inhabern. 32 Mitarbeitende beschäftigt der Betrieb, davon 22 im Betriebszweig Milchproduktion. Die Betriebsstelle war vor der Gründung vor 16 Jahren nicht existent. Der Vorteil am Standort war und ist immer noch, dass es dort kaum besiedelt ist. Das habe die Genehmigung erheblich erleichtert, sagt Magnus.

Der Betrieb umfasst rund 1‘900 ha. Etwa 700 ha sind Grasflächen für die Fütterung der Kühe. Rund 1‘000 ha entfallen auf Getreide: Winterweizen und Raps, ergänzt durch Mais in der Fruchtfolge, der Rest ist Weide und Stilllegung. Derzeit werden 1‘350 Kühe gehalten. Die Herde soll im kommenden Jahr um rund 450 Tiere wachsen. Der schwere Tonboden und der hohe Grasanteil passen aus Magnus’ Sicht gut zusammen. Die Grasbestände sind für ihn eine Art Risikoversicherung gegen Wetterextreme. Dazu später mehr.

 

«Wir wollen nicht ideologisch arbeiten, sondern sehen, was auf unseren schweren Böden wirklich funktioniert. Deshalb machen wir Cherry Picking: Wir nehmen aus jedem Verfahren das Beste für Boden, Fruchtfolge und Kühe.»

Magnus Samuelsson, Unternehmer

 

Boden, Steine und Fahrspuren

Die Böden in der Region gehören zu den schwersten in Schweden. Der Tonanteil liegt teilweise bei über 60 %. Unter der scheinbar ebenen Oberfläche liegen Steine und Findlinge, geformt durch Gletschereis. Steinsammeln und Sprengungen sind jährliche Pflicht.
Um Verdichtung zu vermeiden, arbeitet der Betrieb mit festen Fahrspuren. Gepflügt wird nur noch selten. Magnus setzt den Scheibengrubber TopDown mit elektronischer Tiefenkontrolle (Väderstad) auf den Flächen ein. Für 6 m Arbeitsbreite stehen 600 PS zur Verfügung, gefahren wird mit rund 12 km/h. Der Mähdrescher läuft bewusst mit 9 m, damit das System aus Arbeitsbreiten und Folgegeräten zusammenpasst. Leitprinzip ist «Cherry Picking» (deutsch: Rosinenpicken): Genutzt werden die Verfahren, die auf diesen Böden funktionieren, nicht die Verfahren, die gerade im Trend sind.

Gülle, Biogas und Schlauchsystem

Bei der Gülle setzt der Betrieb konsequent auf Pumpen. Fässer haben auf Tonboden zu viel Bodenverdichtung hinterlassen und wurden nach einem Probelauf verworfen. Heute wird Gülle aus den Kuhställen per Leitung zur Biogasanlage gepumpt. Zwischen Biogas und einer Lagune gibt es ebenfalls eine Pipeline. Entferntere Standorte müssen per Lkw angefahren werden.

Von den zentralen Lagerpunkten aus wird die Gülle über ein 36-m-Schlauchausbringsystem von Agrometer auf die Flächen gebracht. Das System arbeitet sehr energieeffizient und erreicht etwa 140 m³ pro Stunde. Die Investition in Pumpen, Leitungen und Schläuche lag bei rund 1,2 Mio. €. Das sie viel gewesen, sagt Håkan, aber die Entscheidung sei richtig.

Drei Personen bedienen das System in der Saison: Eine Person rührt die Lagunen, zwei Personen fahren und überwachen die Ausbringung. Anfangs wurden Folienlagunen genutzt, inzwischen wird auf Beton mit Abdeckung umgestellt, auch gestützt durch nationale Förderprogramme.
Die Gülle geht durch die Biogasanlage. Ursprünglich war die Anlage ohne Fördergelder geplant und sollte von einem externen Betreiber geführt werden. Am Ende blieb der Betrieb bei einem Anteil von 50 %. Erst mit Einführung eines Güllezuschusses wurde Biogas wirtschaftlich attraktiv. Heute ist der Anteil an der Anlage ein wichtiges Standbein.

Von Karussell auf 31 Roboter

Im Milchviehbereich steht der Betrieb vor einem grossen Sprung. In die vorhandenen Ställe werden die Roboter eingebaut. Geplant sind 31 Melkroboter (momentan sind es 26, die restlichen folgen nach dem Ausbau). Auf der anderen Seite der Anlage entsteht ein weiterer Stall mit Platz für rund 450 zusätzliche Kühe. Das Karussell bleibt noch kurz bestehen, damit der Betrieb so wenig Milch wie möglich verliert durch Kühe, deren Euter nicht robotergeeignet sind. Damit liegt die Zielgrösse bei 1‘800 Tieren. Der Ausbau nutzt vorhandene Infrastruktur, Güllelogistik und Biogas; die Grenzkosten je zusätzlicher Kuh bleiben somit niedrig.

Der Wechsel vom Karussell zum Roboter hat zwei Gründe.

Erstens ist qualifiziertes Melkpersonal schwer zu finden. Über Jahre kamen Mitarbeitende aus Litauen. Dort seien jedoch die Löhne stärker als in Schweden gestiegen, gute Arbeit gebe es vor Ort, die Menschen blieben bei ihren Familien, erzählt Magnus. Der Betrieb musste reagieren und automatisieren.

Zweitens erhöht die Robotik die Milchleistung. Kühe verlieren am Karussell Zeit im Wartebereich, in der sie nicht fressen, nicht liegen und keine Milch produzieren. Im Robotersystem nutzen sie ihren Tagesablauf besser. Der Betrieb rechnet mit rund 5 % mehr Milch pro Kuh. Damit amortisierten sich die Investitionen in die Roboter, sagt Magnus. Die Milch wird einmal täglich abgeholt und nach Stockholm geliefert.
Die Fütterung der Kühe basiert auf Gras und Maissilage. Bei den Kälbern setzt der Betrieb auf Vollmilch, ergänzt durch Pellets und Silage. Tageszunahmen von etwa 1 kg sind das Ziel. Männliche Kälber werden früh verkauft, weibliche Kälber bleiben zunächst im Betrieb und gehen dann zu einem Aufzüchter mit viel Naturlandschaft, bevor sie tragend zurückkehren. Kühe mit schwacher Melkleistung werden gezielt mit Fleischrassen belegt und als Masttiere genutzt.

«Die Rasse ist vor allem Holstein, früher hatten wir auch schwedisch Rotbunt im Stall, aber Holstein melkt besser», sagt Hakan. Die durchschnittliche Leistung liegt bei 12.000 kg pro Kuh. «Gesundheitsmässig konzentrieren wir uns auf Kälber- und Klauengesundheit. Für die Laktationen haben wir durch die Roboterumstellung keine aktuellen Zahlen, aber das Ziel liegt bei vier.»

Klima, Risiko und Markt

Die Fruchtfolge umfasst Winterweizen, Raps, Mais und Gras. Mais war früher kaum möglich; heute erleichtern nördlich angepasste Sorten und Biogasnachfrage den Anbau. Trotzdem bleibt das Risiko hoch. In vergangenen Winter fielen in der Region rund 40 % des Winterweizens aus. Der Raps wurde durch Spätfröste vollständig zerstört. Grasflächen blieben stabil und erwiesen sich als deutlich risikoärmer. «Gedüngt wird als Basis mit Flüssigdünger und ergänzend mit Handelsdünger. Zu Beginn der Vegetation eine Aufgabe, die uns fordert, 70'000 m3 Flüssigdünger auszubringen.»

Zur Ernte kommen grosse Mengen Getreide in kurzer Zeit an. Feuchte Nächte und warme Tage erhöhen das Verderbrisiko im Silo. Die Lager müssen belüftet und gekühlt werden, sonst laufen Prozesse weiter, und das Korn verliert Masse. Der Betrieb nutzt seine Flexibilität: Erreichter Brotgetreidestandard wird verkauft, Futterqualität bleibt im System. Fehlmischungen oder zu feuchte Partien von benachbarten Betrieben werden günstig übernommen, getrocknet und als Futter genutzt. «Das ist eine gute Investition über die Veredelung.»
In diesem Jahr liegen die Getreidepreise unter den Produktionskosten. Ein trauriges Thema, findet Magnus. Der Betrieb überlagert deshalb die Ernte 2025 komplett mit Hoffnung auf bessere Preise. Milch ist deutlich besser aufgestellt. Der aktuelle Milchpreis liegt bei etwa 45 bis 50 ct; Spitzenwerte lagen bei etwas über 60 ct. Bio war zuletzt nicht wirtschaftlicher, weil der Aufschlag die Mehrkosten nicht deckte. Deshalb stellte der Betrieb von bio auf konventionell um.

Agrarpolitik: Rückenwind für Kühe

Der Betrieb agiert in einem agrarpolitischen Umfeld, das sich aufgrund der geopolitischen Weltlage verändert hat. Schweden ist Teil der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU, legt aber nationale Schwerpunkte. Mit der Lebensmittelstrategie («Livsmedelsstrategi 2.0») verfolgt die Regierung das Ziel, die Selbstversorgung zu erhöhen, die Lebensmittelkette robuster zu machen und regionale Produktion zu stärken.
Im Milchsektor setzt die Politik auf Tierwohl. Rinder müssen mindestens 120 Tage im Jahr auf die Weide – im Norden drei Monate. Diese Standards werden über Tierwohl- und Weideprämien finanziell abgesichert, damit Betriebe mit hohen Auflagen nicht gegenüber Ländern mit niedrigeren Standards aus dem Markt gedrückt werden. Ein Blick auf die vergangenen 30 Jahre zeigt, dass die Zahl der Milchbetriebe über Jahrzehnte stark gesunken ist, die Herdengrössen sind zwar gewachsen, aber der Selbstversorgungsgrad mit Milchprodukten liegt nur bei rund 70 %. Die Regierung reagiert mit nationalen Zuschlägen, regionalen Stützungsprogrammen – insbesondere für Nordschweden – und der Förderung von Investitionen in Milchverarbeitung. Business Sweden erhält einen Auftrag, Investitionen in die Lebensmittelwirtschaft langfristig zu begleiten. Konkret soll Schwedens Kuhbestand um 60‘000 Milchkühe steigen.

Blick nach vorn

Als grösste Herausforderung der kommenden Jahre sieht Magnus Samuelsson den Generationswechsel. Entscheidend wird sein, dass sich alle Beteiligten auf eine gemeinsame Richtung einigen. Die technische Basis ist gelegt: Robotik, Biogas, Pump- und Schlauchsystem, moderne Bodenbearbeitung. Der politische Wind steht günstig. Jetzt muss die nächste Generation die Chancen nutzen.
Anmerkung: Diesen Betrieb besuchte Kirsten Müller während ihres Aufenthaltes in Schweden, organisiert von der Keller Technik AG, Hauptimporteur Väderstad.

 

Anmerkung: Diesen Betrieb besuchte Kirsten Müller während ihres Aufenthaltes in Schweden, organisiert von der Keller Technik AG, Hauptimporteur Väderstad.

Autorin: Kirsten Müller

Bilder: Kirsten Müller

 

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