Rund 100 Bäuerinnen, Bauern und Partner aus der ganzen Schweiz haben sich Ende Januar in Mattwil TG zum Gönneranlass der IG BauernUnternehmen getroffen, um über die Zukunft der produzierenden Landwirtschaft zu diskutieren.
Im Zentrum standen die Agrarpolitik AP30+, das Vertragspaket Schweiz–EU, der Druck durch neue Klima- und Umweltvorgaben sowie die Rolle des Detailhandels.
IG-Präsident Samuel Guggisberg machte deutlich, dass sich viele Bauern trotz politischer Unterstützung bei Abstimmungen «mit dem Rücken zur Wand» fühlen. Sinkende Einkommen, eine Wochenarbeitszeit von bis zu 100 Stunden und ein durchschnittlicher Stundenlohn von etwa 17 Franken prägen gemäss ihm die Realität vieler Betriebe. Gleichzeitig seien die Betriebe hohen Ertragsrisiken, ständig wechselnden Vorgaben und einer wachsenden Kontroll- und Meldepflicht ausgesetzt; allein rund 3200 Kontrollpunkte pro Betrieb stehen im Raum.
Strukturelle Schwachstellen der Wertschöpfungskette traten im vergangenen Jahr deutlich zutage: fehlende Lagerkapazitäten bei Kartoffeln und der Ausfall des Kalkofens der Zuckerfabrik Frauenfeld wurden als Beispiele genannt, wie stark die nachgelagerten Branchen «an einem seidenen Faden» hängen. Im Milchmarkt belasten Preisreduktionen und wachsende Importe die Produzenten zusätzlich; der Käseimport hat sich seit 2017 auf rund 78’000 Tonnen pro Jahr verdoppelt, während Überschussmilch zeitweise kaum mehr verarbeitet werden kann.
Mehrfach in den Referaten wurde die kommende Agrarpolitik AP30 als Gefahr für eine produzierende Landwirtschaft bezeichnet. Guggisberg und andere Referenten kritisierten, dass das Visionspapier eine Effizienzsteigerung von 50 Prozent fordere, gleichzeitig aber mit Lenkungsabgaben, zusätzlichen Auflagen und Programmen die Produktion einschränke und die Wertschöpfung schmälere.
Scharfe Worte richtete die IG gegen die Beratende Kommission für Landwirtschaft (Beko), die sich nach ihrer Einschätzung zum «Steigbügel der Verwaltung» entwickelt habe. Statt echter Interessenvertretung der produzierenden Landwirtschaft drohe eine weitere Zentralisierung, mehr Regulierungen und ein Ausbau der Bürokratie. Gefordert werden ein konsequenter Abbau von Verwaltungslast, ein Systemwechsel hin zu marktnahen, produzentenbezogenen Instrumenten und Effizienzbeiträge pro Tonne verwertbaren Erntegutes.
Besonderen Zündstoff lieferte das Referat von Jürg Maurer, Leiter Wirtschaftspolitik beim Migros-Genossenschafts-Bund. Er erklärte, Migros sei mit rund 20 Prozent der abgenommenen Produktionsmenge die grösste Abnehmerin der Schweizer Landwirtschaft und verfolge das Ziel, die Treibhausgasemissionen bis 2050 entlang der Wertschöpfungskette in Richtung Netto-Null zu senken.
Gemäss den präsentierten Zahlen entstehen nur etwa 2 Prozent der Emissionen in den eigenen Betrieben der Migros, weitere rund 4 Prozent in nachgelagerten Bereichen wie Einkauf, Transport und Haushalt – ganze 94 Prozent verortet die Studie im vorgelagerten Bereich Landwirtschaft, Produktion und Transport. Mehr als die Hälfte des Fussabdrucks wird dabei auf Kohlenstoffverluste beim Pflügen, Lachgasemissionen beim Düngen, Abholzung und Methanemissionen aus der Tierhaltung zurückgeführt.
Diese Einordnung löste im Saal heftigen Widerstand aus. IG-Vertreter warfen der Studie vor, die Landwirtschaft zum primären Klimasünder zu machen und zentrale Aspekte des landwirtschaftlichen Kohlenstoffkreislaufs zu ignorieren. Guggisberg verwies darauf, dass die Treibhausgasemissionen der Schweizer Landwirtschaft seit den 1990er-Jahren um etwa 11 Prozent und die Emissionen aus Treibstoffen gar um rund 20–25 Prozent gesunken seien. Pflanzenproduktion binde grosse Mengen CO₂, und Methan aus der Tierhaltung werde in einem natürlichen Kreislauf wieder abgebaut, argumentierten Bauernvertreter wie Andreas Bürki.
Zusätzliche Kritik richtete sich gegen die Pläne der IG Detailhandel, für unterschiedliche Produktionssysteme (LN, IP-Suisse, Bio) verschiedene Klimarechner einzuführen. Die IG BauernUnternehmen warnt vor «Greenwashing» und fordert ein einheitliches, faktenbasiertes Tool, das alle Produktionsrichtungen vergleichbar macht. Die Vertreter der IG betonten, sie seien zum Dialog bereit, würden sich jedoch aus der Zusammenarbeit zurückziehen, falls über ihre Köpfe hinweg politisch motivierte oder einseitige Lösungen durchgesetzt würden.
Nationalrat und Zürcher Bauernverbandspräsident Martin Haab bezeichnete das Vertragspaket Schweiz–EU als «Agrarmonster», das aus Sicht der produzierenden Landwirtschaft klar abzulehnen sei. Besonders kritisch sieht er das geplante Lebensmittelsicherheitsabkommen, das Bereiche wie Pflanzengesundheit, Futtermittel, Saatgut sowie Tiere und tierische Produkte einer dynamischen EU-Rechtsübernahme unterstellen würde. Dadurch drohten zusätzliche Kontrollen, ein höherer administrativer Aufwand und der Verlust von Mitwirkung und nationalen Entscheidungsspielräumen.
Haab warnte, dass die kleinteilige, qualitativ hochstehende Schweizer Lebensmittelproduktion in einem solchen Regelwerk kaum Platz fände. Gleichzeitig verwies er auf die EU-Strategie «Vom Hof auf den Tisch», die Konsumenten stärker in Richtung fleisch- und zuckerärmere Ernährung lenken soll, was aus Sicht der IG BauernUnternehmen als Bevormundung und Risiko für die tierische Produktion wahrgenommen wird. Auch die schweizerische Ernährungsinitiative, welche die Land- und Ernährungswirtschaft stärker auf pflanzliche Produkte ausrichten will, stiess auf deutliche Ablehnung; sie wird als Bedrohung für die Versorgungs- und Ernährungssicherheit in Krisenzeiten gesehen.
Am Anlass in Mattwil wurde deutlich, wie sich die IG BauernUnternehmen positioniert: als Sprachrohr unternehmerischer Bauern, die eine produzierende, marktorientierte Landwirtschaft verteidigen. Im Zentrum stehen qualitativ hochwertige, standortgerechte Produktion, Versorgungssicherheit und die Forderung, dass politische Entscheide und Handelsstrategien auf einer realistischen Sicht der landwirtschaftlichen Praxis beruhen.
Die zentralen Forderungen lassen sich in drei Punkten bündeln: erstens ein massiver Abbau von Bürokratie, Regulierungen und Lenkungsabgaben, zweitens ein starker Grenzschutz und Importstopp für bestimmte sensible Produkte wie Milchpulver oder Halbfabrikate und drittens mehr unternehmerische Freiheit und Eigenverantwortung auf den Betrieben. Die Bauernfamilien wollen, so der Tenor in Mattwil, ihren Beitrag zu Klima- und Umweltzielen leisten – aber mit praxistauglichen Instrumenten, fairen Rahmenbedingungen und ohne ständig neuen politischen und administrativen Druck.
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